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16.02.2017 15:21 Alter: 247 Tage
Kategorie: Sticky-News, Standard-News

Empfehlungen des Verkehrsausschusses zu einer Restprofiltiefe von mindestens 3 mm unter winterlichen Bedingungen

Ein Kommentar von Prof. Dr. Lars Hannawald

Aktuell diskutiert der deutsche Bundesrat über eine Gesetzesinitiative zur Anpassung der Winter-reifenpflicht von Fahrzeugen. Bisher fordert die StVZO (§36, Absatz 4) eine Restprofiltiefe für Sommer- und Winterreifen von 1,6 mm. Im Rahmen der Diskussion findet eine Auseinandersetzung mit der Anhebung der gesetzlichen Restprofiltiefe auf 3 mm bei winterlichen Verhältnissen statt.

Vor dem Hintergrund der Studie des niederländischen Forschungsinstitutes TNO zu sicherheitsrelevanten Aspekten der Reifennutzung („Study on some safety-related aspects of tyre use“) aus dem Jahr 2014, die von einem hohen Vermeidungspotential der Unfälle auf Schnee bei einer Restprofiltiefe von 4 mm spricht, wird die Anhebung der gesetzlichen Grenze auf 3 mm bei winterlichen Verhältnissen diskutiert. Die Forderung der Anhebung der Restprofiltiefe lässt aus technischer Sicht und in Bezug auf Fahrsicherheitsaspekte jedoch einige Fragen offen.

Eigene Untersuchungen der vergangenen Jahre zeigen, dass neben der Profiltiefe auch weitere Parameter wie das Reifenalter, das Reifenprofil und der Reifeninnendruck oder die verwendete Gummimischung in Abhängigkeit der Außentemperaturen eine entscheidende Rolle spielen. Darüber hinaus montieren viele Fahrzeughalter das Reifenpaar mit der geringeren Profiltiefe fälschlicherweise auf die Hinterachse, was eine deutlich höhere Tendenz zum Ausbrechen des Fahrzeughecks bewirkt.

Generell weisen Winterreifen bei geringen Temperaturen bessere Traktionseigenschaften als Sommerreifen auf, da die Gummimischung auf diesen Anwendungsfall abgestimmt ist. Gerade auf schneeglatten Fahrbahnen sind diese Mischungseigenschaften häufig wichtiger als die Profiltiefe der Reifen selbst. Untersuchungen haben gezeigt, dass auch Reifen bis zu einer Profiltiefe von 1,6 mm gute Reifeneigenschaften zeigen und sich ab einer Profiltiefe von 4 mm die Bremseigenschaften nicht schlagartig verschlechtern.

Der durch eine Anhebung der Restprofiltiefe häufiger notwendige Reifenaustausch und die damit verbundenen steigenden Kosten für den Fahrzeughalter können auch dazu führen, dass aus Budgetgründen vom Kauf hochwertiger und sicherer Premiumreifen abgesehen wird. Werden also Reifen mit einer schlechten Performance aus Kostengründen bevorzugt, wird dies in Summe der Fahr- und Verkehrssicherheit abträglich sein.

Als weitere Folge muss auch damit gerechnet werden, dass Winterreifen zur Kosteneinsparung nach der Wintersaison bis auf die dann unter nicht winterlichen Bedingungen gesetzlich vorgeschriebene Grenze von 1,6 mm „abgefahren“ werden. Auch das ist für die Verkehrssicherheit nachteilig, da unter wärmeren Bedingungen Sommerreifen eindeutig zu bevorzugen sind. Verschiedene Tests haben gezeigt, dass der Bremsweg mit Winterreifen bei höheren Temperaturen deutlich länger ist als mit Sommerreifen.

Diese Argumente zeigen aus Sicht der Verkehrsunfallforschung, dass die Forderung nach einer Erhöhung der Restprofiltiefe unter winterlichen Bedingungen zu eindimensional ist.